Es ist an der Zeit, die digitale Unversehrtheit der Menschen zu anerkennen

Dieser Artikel wurde am 25.Januar 2019 in der Zeitung „Le  Temps“ veröffentlicht.

Übersetzung: Marie Zeter

Der seit 25 Jahren bestehende Datenschutz hat in seiner jetzigen Form nicht funktioniert. Einerseits wurden die Mittelfür die damit beauftragte Behörde nicht erhöht, obwohl der Umfang der persönlichen Daten immer grösser wird, andererseits erlaubt es das Recht selbst nicht, die Interessen des Einzelnen zu schützen. Man schätzt, dass im Jahr 2020 jede Person etwa 1.7 Megabyte Daten pro Sekunde generieren wird. Diese Daten werden zu Unrecht als das „Erdöl des 21. Jahrhunderts“ angesehen. Diese Auffassung  entspricht aber einer Art von Versklavung. Als erstes muss man sich über den Wortlaut der Auseinandersetzung einigen. Persönliche Daten erhalten ihren Wert dadurch, dass sie Informationen über einen Menschen enthalten.

Ihr Schattenprofil

Heute besitzen Menschen eine digitale Identität, die nicht von ihrem eigenen Willen abhängt. Jemand, der keinem sozialen Netzwerk beigetreten ist, ist höchst wahrscheinlich von diesem Netzwerk identifiziert aus dem einfachen Grund, dass seine Mitmenschen mit diesem Netzwerk zu tun haben. Das Zusammentragen und die Untersuchung der persönlichen Daten sind schon so hoch entwickelt, dass sie das genaue Profil eines Menschen erstellen können, ohne dass er selbst seine Daten den betreffenden Unternehmen anvertraut hat. Es reicht, bei einer Anmeldung auf einer Website, den Zugang zum eigenen Adressbuch zu erlauben. Dadurch hat das Netzwerk Zugriff zu den Daten unserer Freunde, Kollegen, usw… und kann somit ein Schattenprofil entwickeln, um unsere Kontakte (oder Mitteilungen) zu analysieren, auch von Personen, die nicht beigetreten sind. Das ist keine Science-Fiction.

Es gibt neuerdings auch Menschen, die noch vor ihrer Geburt eine digitale Identität haben. Es gibt Eltern, die einUltraschall-Bild des Ungeborenen auf einem Netzwerk veröffentlichen oder einfach die Geburt verkünden und schon hat dieses Kind eine digitale Existenz. Ob wir es wollen oder nicht, ist damit ein Teil unserer digitalen Identität entstanden. Darum sind die Daten, die uns betreffen, kein einfacher Besitz: Sie gehören zu unserer Individualität, sie kennzeichnen uns, sagen vieles über uns aus. Wir sind mit unseren persönlichen Daten verschmolzen.

Ein humanistischer Kampf

Wenn Menschen eine digitale Existenz haben, dann weitet sich der Begriff der Unversehrtheit eben auf dieses Gebiet aus. Wie es eine leibliche Unversehrtheit gibt, die unseren Körper betrifft, eine psychische, die unseren Geist betrifft, so soll es auch eine digitale Unversehrtheit geben, die logischerweise dem digitalen Aspekt unseres Daseins entspricht. Dadurch sind unsere Daten ausnahmslos Bestandteil unserer digitalen Unversehrtheit. Das heisst, dass die Ausbeutung unserer Daten unsere digitale Unversehrtheit- verletzt. Selbstverständlich sind manche Zugriffe unvermeidlich, weil sich ein Mensch zwangsweise mit seiner Umwelt austauscht und also nicht jeglichem Zugriff auf seine Unversehrtheit ausweichen kann. Diese Zugriffe müssen aber Ausnahmen bleiben; es steht also der gesamten Gesellschaft zu, Grenzen zu setzen. Die digitale Unversehrtheit der Menschen zu anerkennen bedeutet also die Menschenrechte auf das digitale Gebiet auszuweiten.

Heute berufen sich Staaten und Unternehmen immer auf gute Vorwände, um die digitale Unversehrtheit des Menschen auszunutzen. Aber sehr oft dient dieses Ausnutzen der Daten dazu, unser Verhalten zu beeinflussen oder schwerwiegende Kontrollmassnahmen durchzuführen. Die digitale Revolution soll nicht dazu beitragen die Interessen einer privilegierten Schicht zu begünstigen, sondern sie soll der gesamten Menschheit dienen. Wir stehen am Anfang einer neuen Zeit; wir können noch die richtigen Entscheidungen treffen, damit digitale Neuerungen Fortschritte ermöglichen, die zum Wohl aller beitragen. Unsere digitale Unversehrtheit zu anerkennen und zu schützen wäre der erste Schritt, damit die Menschheit nicht zum Spielzeug der Technologie wird. Gewiss ist das ein humanistischer Kampf.

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